MLM Kritik: Warum Network Marketing so einen erbärmlichen Ruf hat
Gestern Abend gab es einen Team-Call für alle Partner. Heute früh standen im Gruppenchat die Antworten der Teilnehmer: Zusammenfassungen, Dankesworte, ein Feuerwerk an Bildchen. Ich habe sie gelesen, noch einmal gelesen und dann eine Weile aus dem Fenster geschaut. Ich bin echt erschüttert.
Das hier ist MLM Kritik, aber nicht von außen. Ich bin selbst in dieser Branche, und genau deshalb tut es mir weh. Es geht nicht um die Veranstalter des Calls, sondern um das, was bei den Teilnehmern hängengeblieben ist und was sie als „Tipps“ öffentlich in den Chat gestellt haben. Wenn du dich fragst, warum Network Marketing bei so vielen Menschen einen miserablen Ruf hat, dann lies, was da steht, und stell dir vor, du bist die Person, die so ein Gespräch am anderen Ende erlebt.
Alle Chat-Zitate sind wortwörtlich und anonymisiert. Die Szenen unter „Der Alltag dazu“ habe ich frei erfunden, sie stehen nicht im Chat. Eine Vorgeschichte dazu findest du im ersten Teil, Die Lizenz zur Geld- und Umfeld-Vernichtung, und im Text Network Marketing System: Warum die meisten scheitern – Der alte Weg.
Was nach dem Call hängengeblieben ist
Vier Nachrichten, alle als Antwort auf den Call. Sie fangen alle gleich an, mit Lob:
Der Call war wirklich genial und voll mit praktischen Tipps und Formulierungen!
Ein sehr lockerer, leichter und erfrischender Call! 🤩🤩🤩
Der Call war wirklich wertvoll, vielen lieben Dank ❤️
Was war das bitte für eine mega tolle Energie im Call mit Dir und …🥳💞✨🙏🏻!
Achte darauf, was gelobt wird: Energie. Locker, leicht, erfrischend. Und Formulierungen. Kein einziges Mal steht da: „Ich habe etwas verstanden, das ich vorher nicht wusste.“ Gefeiert wird, wie es sich angefühlt hat und was man sagen kann.
Und jetzt das Merkwürdigste. Lies die Nachrichten nebeneinander. Es sind verschiedene Nachrichten, aber sie benutzen dieselben Wörter:
| Wort | Wie oft | In wie vielen Nachrichten |
|---|---|---|
| Begeisterung (begeistert, begeistern) | 5× | 3 von 4 |
| Energie | 2× | 2 von 4 |
| „ein bisschen verrückt“ | 2× | 2 von 4 |
| anstecken, ansteckend | 2× | 2 von 4 |
| Liebe (liebevoll, lieben Dank, Lieblings…) | 6× | 3 von 4 |
Wenn vier Menschen nach einem Abend dieselben Wörter benutzen, haben sie nicht vier Gedanken gehabt. Dann haben sie eine Schablone mitgenommen. Das ist keine Begeisterung, das ist ein Echo.
„Nett penetrant“: der Tipp, der Nummern blockiert
Der erste Tipp, den ein Teilnehmer aus dem Call mitgenommen und im Chat weitergegeben hat. Ich lasse ihn so stehen:
💛 Sei „liebevoll frech“ und „nett penetrant“. Erzeuge einen Sog um dich herum.
Lies das Wort penetrant noch einmal. Es heißt aufdringlich, hartnäckig, nicht abzuschütteln. Jemand ist penetrant, wenn er ein Nein nicht hört. Dass man „nett“ davorstellt, ändert nichts, es ist Zucker auf einer Pille. „Liebevoll frech“ ist dasselbe: freundlicher Ton, gleiche Absicht.
Und dann der Sog. Ein echter Sog entsteht, wenn Menschen selbst entscheiden, in welche Richtung sie gehen wollen. Dieser Sog fragt nicht. Er zieht dich dorthin, wo du nicht hinwolltest, und du merkst es erst, wenn der Boden weg ist.
Der Alltag dazu
Frei erfunden. Es ist Dienstagabend. Dein Handy leuchtet. Zum vierten Mal in zwei Wochen schreibt dir eine Bekannte aus dem Sportverein: „Hey du! Ich musste gerade an dich denken 😊 Hast du mal fünf Minuten?“ Du hast „Nein, danke“ gesagt. Du hast „Gerade keine Zeit“ gesagt. Du hast gar nicht mehr geantwortet. Jetzt kommt wieder diese Nachricht: nett, liebevoll, frech. Du bekommst Herzklopfen, schreibst die Antwort im Kopf zehnmal um und machst am Ende nur noch eines: Du blockierst sie.
Das ist das Ergebnis dieses Tipps. Nicht Kunden, sondern blockierte Nummern. Und eine Geschichte beim nächsten Vereinsabend: „Pass auf, die ist jetzt in so einem Netzwerkdings.“
Alle ansprechen, schnell durch: aus Menschen werden Ziele
Zwei weitere Tipps aus derselben Ecke. Der erste:
🧡 Nicht im Kopf ausfiltern einfach allen eine Chance geben „deine Lieblingsfarbe passt zu meinem Lieblingsgetränk Getränke“
Nicht im Kopf ausfiltern. Das heißt: Frag dich nicht, wer dafür in Frage kommt, wer gerade Zeit hat, wer etwas braucht, wer Ruhe haben will. Sprich einfach alle an. Dabei ist genau dieses Ausfiltern das, was normale Menschen jeden Tag aus Anstand tun. Du schlägst dem Mann an der Tankstelle kein Gespräch über deine Produkte vor, weil du siehst, dass er in Eile ist. Dieser Tipp verlangt, dass du dieses Gefühl abschaltest. Und als Einstieg dient ein Satz, der nichts bedeutet, damit ein Gespräch beginnt, das mit etwas anderem endet.
Der zweite:
🚀 „Möchtest du richtig groß werden? Dann müssen wir da schnell durch.“
Zwei Sätze, zwei Hebel. Der erste ist die Eitelkeit: Wer jetzt Nein sagt, sagt in Wirklichkeit „Ich will klein bleiben“. Das sagt keiner, die Frage ist so gebaut, dass es nur eine Antwort gibt. Der zweite ist der Zeitdruck. „Schnell durch“ durch was? Durch das Gespräch. Durch die Einwände. Durch die Zeit, in der der andere nachdenken könnte. Ein seriöses Angebot hat keine Eile. Wenn etwas wirklich gut für dich ist, ist es auch nächste Woche noch gut.
Der Alltag dazu
Frei erfunden. Samstag, kurz vor Ladenschluss, an der Supermarktkasse. Die Kassiererin ist seit sieben Uhr auf den Beinen. Hinter dir spricht dich eine Frau an, strahlend: „Deine Jacke hat genau die Farbe von meinem Lieblingsgetränk!“ Du lachst höflich. Es kommt die Frage: „Hast du dich schon mal mit deiner Energie beschäftigt?“ Du zahlst, nimmst die Tüte und gehst schneller als nötig. Die Kassiererin sieht dich an, als hätte sie das schon hundertmal erlebt.
MLM Manipulation in fünf Sätzen: die Abschlussfrage zerlegt
Jetzt wird es richtig unangenehm. Das hier hat jemand als „Abschlussfrage“ mitgeschrieben, so steht es da, und es ist ein kleines Meisterwerk der Manipulation:
🗣️ Abschlussfrage: „Du hast den Online-Test so schön und fleißig ausgefüllt. Was ist denn dein Bauchgefühl? Würdest du dem Ganzen gerne eine Chance geben?….. Wir haben 30 Tage Geld-zurück-Garantie. Was möchtest du noch überlegen?“
Ich zerlege sie, damit du siehst, was jeder Satz tut:
| Der Satz | Was er in meinen Augen macht |
|---|---|
| „Du hast den Online-Test so schön und fleißig ausgefüllt.“ | Lob wie für ein braves Kind. Du hast Zeit und persönliche Angaben investiert, und das wird dir jetzt als Verpflichtung zurückgereicht: Wer fleißig war, kann schlecht Nein sagen. |
| „Was ist denn dein Bauchgefühl?“ | Die Sachebene wird abgeschaltet. Preise, Inhalt, Vergleichsangebote: alles weg. Entschieden wird nach Gefühl, und das Gefühl wurde vorher aufgewärmt. |
| „Würdest du dem Ganzen gerne eine Chance geben?“ | „Eine Chance geben“ klingt nach Fairness und Mitleid. Wer Nein sagt, ist unfair. |
| „Wir haben 30 Tage Geld-zurück-Garantie.“ | Das Sicherheitsnetz, genau im richtigen Moment. Der Einwand „Und wenn es mir nicht hilft?“ ist erledigt, bevor du ihn aussprechen kannst. |
| „Was möchtest du noch überlegen?“ | Der Gipfel. Die Frage unterstellt, dass du dich schon entschieden hast. Offen ist nur noch, was du überlegst, nicht ob. Die Antwort „Nichts, ich möchte nicht“ ist nicht vorgesehen. |
Zur Fairness: Eine Geld-zurück-Garantie ist etwas Gutes. Aber dann gehört sie an den Anfang eines Gesprächs, als Information, und nicht ans Ende, als letzter Hebel gegen dein Zögern. Und wer einen Fragebogen ausfüllt, gibt Persönliches preis und erwartet eine ehrliche Einschätzung. Wird dieser Test dann als Einstieg für eine Abschlussfrage benutzt, ist das für mich ein Vertrauensbruch, auch wenn er freundlich klingt.
„Zu teuer? Dann trinkst du umsonst“
🥤 „Zu teuer? Dann startest Du mit PRODUKT. Nächste Woche sitze ich bei dir im Wohnzimmer. Lade vier, fünf Leute ein, dann trinkst du umsonst.“
Lies es langsam. Dein Einwand war: „Das kann ich mir nicht leisten.“ Die Antwort ist nicht „Dann lass es“. Auch nicht „Dann gibt es etwas Günstigeres“. Die Antwort ist: Dann bezahl mit deinen Leuten. Vier, fünf Menschen, die dir vertrauen, die kommen, weil du sie einlädst, und die sich später fragen werden, ob sie wegen dir oder wegen der Ware dort saßen. Deine Freunde werden zum Zahlungsmittel.
Dazu passt der Tipp zu den Info-Abenden, den jemand ebenfalls mitgeschrieben hat: „entscheidend sind die ersten 3 Minuten, die Menschen wollen sich auch wohlfühlen“. Entscheidend wofür? Nicht dafür, dass die Gäste etwas Nützliches erfahren, sondern dafür, dass sie in Stimmung kommen, bevor sie fragen, was hier eigentlich passiert. Das Wohlfühlen ist ein legitimes Bedürfnis, und hier wird es zum Werkzeug.
Der Alltag dazu
Frei erfunden. Donnerstag, 19:30 Uhr. Deine Nachbarin hat dich eingeladen, „auf ein Glas Wein und was Gesundes, ganz locker“. Du kommst mit einer Flasche, setzt dich aufs Sofa, und nach zehn Minuten merkst du: Da liegen Prospekte auf dem Tisch. Eine Frau erzählt von ihrem PRODUKT. Du sitzt zwischen drei anderen und überlegst, wie du in Würde wieder wegkommst. Am nächsten Tag schreibt dir deine Nachbarin: „Und, wie fandest du es?“ Du antwortest: „Nett.“ Das Wort heißt: Ich komme nicht wieder.
Im Supermarkt sagt man Nein, ohne jemanden zu verletzen. Auf diesem Sofa kostet dich ein Nein einen Preis: Du enttäuschst eine Freundin vor Publikum. Eine Party, bei der die ersten drei Minuten über den Verkauf entscheiden, ist für mich keine Party. Es ist ein Verkaufsraum mit Gastgeberin.
MLM Sekte? „Versuche nicht, dieses Business zu verändern“
🌱 Versuche nicht, dieses Business zu verändern. Immer wieder: Come back to the roots!
Der Satz, bei dem Außenstehende von „Sekte“ sprechen, und ich verstehe sie. Man kann ihn austauschen: „Versuche nicht, die Kirche zu verändern.“ „Versuche nicht, die Partei zu verändern.“ Immer wenn jemand sagt „Hinterfrage nicht, mach es einfach“, ist für mich die Frage berechtigt: Wovor hat er Angst?
Ein gutes Geschäft verträgt Fragen. Es verträgt Kritik und freut sich über Ideen von Neuen, denn Neue sehen Dinge, die Alteingesessene nicht mehr sehen. Wenn du in einem Geschäft nicht mitdenken darfst, bist du kein Unternehmer, wie dir gesagt wurde. Du bist eine Kopie.
Dasselbe gilt für die Begeisterung auf Befehl:
🔥 Je begeisterter du selbst vom Produkt bist, desto begeisterter sind deine Kunden davon. Halte die Energie in deinem Feld hoch und sei ein bisschen verrückt!
🧡 Einfach machen und die Begeisterung sprudeln lassen. Stecke mit deiner Begeisterung die anderen an
Sei, wie du bist, aber bitte verrückter: Das ist kein Satz, der dich meint, sondern einer, der dir sagt, wie du sein sollst, und ihn „Sei du selbst“ nennt. Echte Begeisterung kommt von selbst, man muss sie nicht „hochhalten“. Wer sie hochhalten muss, spielt sie, und offenbar reicht das Produkt nicht, also muss die Show es richten. Und „anstecken“ ist ein Wort für Krankheiten. Es geht nicht darum, dass jemand etwas versteht, prüft und sich entscheidet, sondern darum, dass etwas übertragen wird, an Menschen, die nicht gefragt wurden.
Der Alltag dazu
Frei erfunden. Sonntag, Grillfest bei deinem Schwager. Du erzählst begeistert von „diesem PRODUKT“, das du jetzt jeden Morgen trinkst. Deine Stimme wird lauter, deine Hände fliegen. Am Tisch wird es still. Dein Schwager schaut in sein Bier. Jemand sagt: „Aha. Und das hilft?“ Du sagst: „Das musst du erleben!“ Zwei Wochen später steht auf der Einladung zum Geburtstag der Schwiegermutter ein Zusatz, ganz leise, nur bei dir: „Bitte kein Verkaufsgespräch.“
„Verkaufen ist Liebe“: der gefährlichste Satz im ganzen Chat
Strahlende Powerfrau die voll bei sich und in ihrer Berufung angekommen ist und sowas von begeistern und motivieren kann❤️🔥.
Das ist er wieder, dieser Satz:
‚Verkaufen ist Liebe‘
Danke, dass ich ‚als Frischling’ bei euch gelandet bin😅🩷.
Love it❣️
Ich muss dir etwas sagen. Dieser Satz ist für mich der gefährlichste in diesem ganzen Chat. Verkaufen ist Liebe.
Wenn Verkaufen Liebe ist, dann ist ein Nein Lieblosigkeit. Dann ist der Mensch, der „Nein, danke“ sagt, nicht jemand, der nachgedacht hat, sondern jemand, der Liebe verweigert. Und wer verkauft, bekommt dazu die beste Rechtfertigung, die es gibt: Er tut es ja aus Liebe. Damit lässt sich jede Penetranz entschuldigen, jeder Druck, jede Abschlussfrage.
Achte auf das Wort „wieder“: „Das ist er wieder, dieser Satz.“ Ein Satz, der immer wiederkommt, bis ihn alle auswendig können, ist kein Gedanke mehr, er ist ein Mantra. Dazu „Strahlende Powerfrau“, „in ihrer Berufung angekommen“: Das ist keine Beschreibung eines Menschen, das klingt für mich nach Heiligsprechung. Gemessen wird nicht, was jemand leistet, sondern wie sehr er strahlt, und alle, die nicht strahlen, fragen sich, was mit ihnen nicht stimmt.
Und dann das Letzte: „Danke, dass ich ‚als Frischling‘ bei euch gelandet bin.“ Wer neu ist, hat noch nichts verkauft, nichts erlebt, nichts geprüft und bedankt sich schon dafür, „gelandet“ zu sein. Liebe vor Leistung, Dankbarkeit vor Erfahrung. Genau so beginnt es.
Der Emoji-Teppich: ein Bildchen vor jedem Druck-Satz
Jetzt zu dem, was mich beim Lesen fast um den Verstand gebracht hat. Schau dir die Nachrichten noch einmal an, aber diesmal nicht den Text, sondern das, was davor und danach steht. Jeder Tipp bekommt sein eigenes kleines Bildchen. Wie im Kindergarten, wo über jedem Tagesplan ein Sonnenschein klebt:
| Bildchen | Dahinter steht … | Was das Bildchen daraus macht |
|---|---|---|
| 💛 gelbes Herz | „Sei liebevoll frech und nett penetrant.“ | Aufdringlichkeit bekommt ein Herz. |
| 🚀 Rakete | „Dann müssen wir da schnell durch.“ | Zeitdruck bekommt Raketenantrieb. Wer bremst, will nicht nach oben. |
| 🗣️ sprechender Kopf | „Abschlussfrage: …“ | Die Abschlussfalle wird zum netten Gesprächstipp. |
| 🥤 Trinkbecher | „… Lade vier, fünf Leute ein, dann trinkst du umsonst.“ | Der Griff ins Umfeld sieht aus wie ein Getränk auf der Party. |
| 🌱 Pflänzchen | „Versuche nicht, dieses Business zu verändern.“ | Gehorsam wird als Wachstum verkauft. |
| 🔥 Feuer | „Sei ein bisschen verrückt!“ | Der Befehl zur Begeisterung bekommt Flammen. Wer brennt, hinterfragt nicht. |
| 🥳💞✨🙏🏻❤️🔥 | Das Lob für die „Powerfrau“ | Fünf Bildchen für einen Menschen. Das klingt für mich nach Verehrung. |
Nach meiner Zählung sind es 27 Bildchen in vier Nachrichten. Ein Piktogramm vor fast jedem Satz, damit keiner den Satz selbst lesen muss, weil das Bild schon sagt, wie man ihn zu fühlen hat. Das ist für mich keine Kommunikation unter Erwachsenen, das ist ein Bilderbuch mit Verkaufszielen. Die Zielgruppe sind oft Menschen über 45 mit Berufserfahrung, Verantwortung, Familie, und man spricht mit ihnen im Ton eines Kindergeburtstags.
Warum das funktioniert: Emojis wärmen Druck an. „Nett penetrant“ klingt mit gelbem Herz wie eine Umarmung. Sie ersetzen Argumente, denn eine Rakete ist keine Zahl und Sterne in den Augen kein Nutzen. Und sie machen Widerspruch unmöglich: Wer in so einem Chat schreibt „Moment, ist das nicht ziemlich aufdringlich?“, schreibt gegen ein Herz. Das traut sich keiner.
Der Alltag dazu
Frei erfunden. Montag, 21:40 Uhr. Eine Neue in der Gruppe, seit drei Wochen dabei, schreibt etwas, das sie sich lange überlegt hat: „Ich tue mich schwer damit, Freunde anzusprechen. Ist das normal, oder mache ich was falsch?“ Innerhalb von zehn Minuten kommen die Antworten: 💛💛💛, 🚀, 🔥🔥, „Du schaffst das!!! 💪“, „Bleib dran, Süße 🌸“. Keine einzige beantwortet ihre Frage. Sie hat gefragt, ob sie etwas falsch macht, und sie bekommt eine Wand aus Herzen. Am Mittwoch ist sie nicht mehr in der Gruppe. Niemand fragt nach. Es war ja alles so liebevoll.
Dazu noch, was in diesen Nachrichten fehlt: keine einzige Rückfrage („Woher kommt diese Zahl?“, „Und was, wenn jemand Nein sagt?“), kein Zweifel, kein Kunde außerhalb der Gruppe, kein Beleg, kein Gegenüber. Es geht immer um das, was du sagst und fühlst, nie darum, wie es beim anderen ankommt. Ich nenne das verblendet: nicht dumm, nicht böse, sondern so umgeben von Glanz, dass man nicht mehr sieht, was davor steht.

Warum MLM so einen erbärmlichen Ruf hat
Jetzt addiere es. Alles, was in diesen Nachrichten steht und was Teilnehmer gestern Abend als „genial“, „wertvoll“ und „ansteckend“ mitgenommen haben:
- Man lobt Formulierungen und Energie statt Wahrheit.
- Man ist nett penetrant, also: Man hört das Nein nicht.
- Man filtert nicht mehr aus: Jeder ist ein Ziel.
- Man macht Druck mit „schnell durch“, damit keiner nachdenkt.
- Man benutzt eine Abschlussfrage, die keine Fragen mehr zulässt.
- Man verwandelt „zu teuer“ in „lade deine Leute ein“.
- Man baut die ersten drei Minuten einer Party als Anlauf für den Verkauf.
- Man verbietet das Mitdenken: „Versuche nicht, dieses Business zu verändern“.
- Man verlangt Begeisterung auf Knopfdruck und will anstecken, statt zu fragen.
- Man nennt als Kern des Geschäfts nur das Ins-Boot-Holen („Das Geschäft lebt von erfolgreichen Menschen, die du ins Boot holst“) und lässt Kunden und Nutzen unerwähnt.
- Man nennt das Ganze Liebe, damit niemand Nein sagen kann.
- Man verkauft das Erlebnis („Mach aus dem PRODUKT ein Abenteuer und ein Erlebnis!“), wo man den Nutzen nicht belegen darf.
- Man klebt vor jeden Satz ein Herzchen, eine Rakete, ein Feuer, damit keiner den Satz selbst lesen muss.
Und jetzt die Rechnung, die in der Branche niemand aufmacht. Eine Beispielrechnung, keine Statistik: Nimm zehn Partner an so einem Call. Jeder spricht in der folgenden Woche mit vier, fünf Leuten, und die erleben diesen Ton. Und jeder von denen erzählt es seinen vier, fünf Leuten weiter, aber nicht als „genialen Call“, sondern als Geschichte, die man am Stammtisch erzählt. Rechne selbst nach. Die Branche hat sich ihren Ruf nicht zufällig erarbeitet. Sie hat ihn Gespräch für Gespräch eingeladen, vier, fünf Leute pro Abend.
Der Gegen-Call: dieselben Sätze, ehrlich
Das ist kein Text, der nur draufhaut. Hier ist, wie dieselben Aussagen klingen würden, wenn sie ehrlich wären. Es ist leicht, diese Sätze zu sagen. Bequem ist es nicht, weil sie dir etwas abverlangen: Zurückhaltung.
| Statt … | Besser … |
|---|---|
| „Sei nett penetrant.“ | Frag einmal. Ein Nein ist ein Ergebnis, kein Hindernis. |
| „Nicht im Kopf ausfiltern, allen eine Chance geben.“ | Sprich mit denen, bei denen es passt. Wer keine Zeit hat, hat keine Zeit. |
| „Da müssen wir schnell durch.“ | Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich melde mich nicht von selbst. |
| „Was möchtest du noch überlegen?“ | Du musst dich heute nicht entscheiden. Wenn es ein Nein ist, ist das in Ordnung. |
| „Zu teuer? Dann trinkst du umsonst.“ | Wenn es zu teuer ist, ist es zu teuer. Dann lass es. |
| „Entscheidend sind die ersten 3 Minuten.“ | Sag den Gästen vorher, worum es geht, und lass sie gehen, wenn sie nicht wollen. |
| „Versuche nicht, dieses Business zu verändern.“ | Wenn dir etwas auffällt, das man besser machen kann, sag es laut. |
| „Sei ein bisschen verrückt.“ „Stecke die anderen an.“ | Sei ehrlich, auch dir selbst gegenüber. Und frag, bevor du erzählst. |
| „Verkaufen ist Liebe.“ | Verkaufen ist ein Angebot. Ein Nein ist erlaubt. |
| „Mach daraus ein Abenteuer.“ | Sag, was das Produkt kann, und sag auch, was es nicht kann. |
Das ist der Unterschied, den ich im ersten Teil meinte: Das Modell ist nicht der Gegner. Der Gegner ist die Art, wie die Masse es benutzt.
Fazit: Gut gemeint ist das gefährlichste Wort
Ich habe diesen Text nicht geschrieben, um jemanden vorzuführen. Die Menschen in diesem Chat meinen es vermutlich gut. Sie wollen helfen, aufbauen, sie glauben an das, was sie tun. Aber gut gemeint ist in dieser Branche das gefährlichste Wort, weil es alles entschuldigt.
Wenn du in diesem Business arbeitest, dann frag dich heute Abend: Würde ich diese Sätze sagen, wenn mein bester Freund danebenstünde? Meine Mutter? Mein Finanzamt? Wenn die Antwort Nein lautet, dann ist es nicht der Kunde, der etwas falsch versteht.
Und wenn du von außen kommst und dir jemand eines dieser Gespräche anbietet: Du bist nicht unfreundlich, wenn du Nein sagst. Du bist nicht zu klein gedacht, wenn du nachdenken willst. Und du bist nicht verpflichtet, ein Wohnzimmer zu füllen, weil dir etwas „zu teuer“ ist.
Warum ich als Insider trotzdem sage, der Ruf ist verdient: Warum dieser Blog existiert.